Frau Schletterer singt nicht mehr

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Abnehmspritzen
28.03.2025 10:44

Da ich ja zu den Dicken im Lande gehöre und schon etliche Anläufe für Diäten und dergleichen gemacht habe, die aber alle irgendwie nicht funktionierten, habe ich auf Anraten meiner Ärztin begonnen, es mit einer dieser Abnehmspritzen zu versuchen. Sie meinte, damit würde es ganz gewiß funktionieren, denn der Wirkstoff dämpfe den Appetit und auch das Hungergefühl, so daß ich mich darauf verlassen könne, daß ich weniger esse. Nun, ich war ein wenig skeptisch, denn an den Mengen, die ich esse, kann m. E. mein Übergewicht nicht liegen; was meine Ärztin mir auch bestätigte und meinen quasi nicht stattfindenden Stoffwechsel dafür verantwortlich machte. Insofern war ich erstaunt, daß sie mit der beschriebenen Wirkung dieser Spritzen so warb. Ich glaubte nicht, daß das die richtige Methode für speziell meine Lage sein konnte.
Nun gut, ich ließ mich dennoch darauf ein und bekam zunächst die niedrigste Dosis verordnet. (Man muß wissen, daß vier Wochen lang wöchentlich nur eine geringe Dosis verabreicht wird, dann wird für die nächsten vier Wochen die Dosis erhöht usw., bis man am Ende eine Dosis spritzt, die 10 Mal so hoch ist wie die Eingangsdosis). In den ersten vier Wochen spürte ich sozusagen gar keine Wirkung. Weder verging mir der Hunger, noch hatte ich weniger Appetit, und Gewicht verlor ich schon gar nicht.
Dann erhöhte sich die Dosierung, und erste Wirkungen traten ein: mein Hunger verging, mein Appetit war so weit eingeschränkt, daß ich nach wenigen Bissen den Teller von mir schob und regelmäßig nur etwa die Hälfte meiner üblichen Portion verspeiste. In den vier Wochen dieser Stufe verlor ich ca. 4 kg. Ich war beeindruckt.
Dann allerdings ging es in die dritte Stufe der Therapie, und schon nach der ersten Spritze verstand ich, warum in Medienberichten davon die Rede ist, daß Leute von dem Wirkstoff Depressionen bekommen und auch schon von Selbstmorden berichtet worden ist. (Und man bemerke hier bitte, daß ich erst bei einer Dosierung angekommen war, die nur vier Mal so hoch wie die Eingangsdosis ist.)
Ich bekam Durchfall wie aus der Hölle, mir war sterbensübel, und ich hatte nicht nur keinen Appetit, sondern ich empfand einen derartigen Ekel allein beim Gedanken daran, daß ich in meinem Leben noch einmal irgendwas essen mußte, daß ich sofort beschloß, dieses Teufelszeug wieder abzusetzen. Denn der Preis, nämlich meine ganze Lebensfreude zu verlieren, nur um wieder die Chance auf Schlankheit zu haben, ist mir zu hoch. Den bezahle ich nicht! In der ersten Nacht nach Setzen der Spritze hatte ich Alpträume, in denen ich meiner Angst vor der nächsten Mahlzeit zu entkommen versuchte; wenn ich zwischendrin aufwachte, bekam ich Panikattacken, für die es außer diesem Medikament keine Erklärung geben konnte, und in jenen Stunden konnte ich mir nicht vorstellen, jemals wieder Freude zu empfinden. Wie würde ich mich also erst fühlen, wenn die Dosierung nochmal um das Zweieinhalbfache stiege?!
Ich möchte jedem und jeder, der/die darüber nachdenkt, es mit solchen Spritzen zu versuchen, dringend raten, vorher nochmal Alternativen in Erwägung zu ziehen.  Ich für meinen Teil versuche gerade, mich auf jede kleine Besserung zu konzentieren, die ich durch das langsame Nachlassen dieser erschreckenden Wirkung zu erkennen glaube. Womöglich kehrt auch irgendwann meine Lebensfreude wieder zurück.

 

MIL, DIL und SIL
Ende eines Lebensabschnitts

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